Lesetipp Herbst / Winter 2019

Norbert Scheuer
Winterbienen
Verlag C.H.Beck, 318 Seiten, 22,—€

Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.
Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in „Winterbienen“ einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Andrej Kurkow
Graue Bienen
Verlag Diogenes, 416 Seiten, 24,—€

Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung und wundersame Produktivität. In einem Frühling bricht er auf: Er will die Bienen in eine Gegend bringen, wo sie wieder in Ruhe Nektar sammeln können.
Ein Roman voller Weisheit, der entschleunigt und an das Wesentliche erinnert: die Unversehrtheit der Natur.

Delia Owens
Der Gesang der Flusskrebse
Verlag Hanser, 464 Seiten, 22,—€

In den sechziger Jahren schwirren viele Gerüchte über Kya Clark durch die ruhige Küstenstadt Barkley Cove. Isoliert lebt sie im Marschland mit seinen Salzwiesen, Sandbänken, Buchten. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Zwei junge Männer werden auf die wilde Schöne aufmerksam, und Kya öffnet sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Als einer der beiden tot aufgefunden wird, sind sich die Bewohner sicher: Das „Marschmädchen“ ist schuld.
Delia Owens erzählt intensiv und mit großer menschlicher Wärme. Sie erinnert uns daran, dass wir immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und dass wir den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegenzusetzen haben.

Alain Sulzer
Unhaltbare Zustände
Verlag Galiani, 272 Seiten, 22,—€

Ein Roman über einen, der sich gegen den Wandel der Zeiten auflehnt und dabei ins Wanken gerät.
Zwei Tage sind sie hinter Papier versteckt, dann werden die sieben großen Schaufenster feierlich enthüllt – und lassen die Waren des alteingesessenen Quatre saisons in neuem Glanz erstrahlen. Für diese Momente lebt und arbeitet Schaufensterdekorateur Stettler, und das schon mehrere Jahrzehnte. Nun, mit knapp sechzig, wird ihm überraschend ein junger Kollege zur Seite gestellt – kein Assistent , sondern ein Rivale, ein avisierter Nachfolger, ein Feind! Stettlers Welt beginnt zu bröckeln. Es ist das Jahr 1968, und es bröckelt auch sonst vieles. Die jungen Leute tragen Bluejeans und wissen nicht mehr was sich gehört. Am Münsterturm hängt eines Sonntags eine Vietcong-Fahne. Stettler ist entsetzt. Immer mehr fühlt er sich bedroht, spioniert dem Rivalen sogar nach, sinnt auf Rache. Auch ist es ein zähes Ringen mit der Zeit und mit dem Alter, bei dem Stettler nur verlieren kann.

Karin Kalisa
Radio Activity
Verlag C.H.Beck, 351 Seiten, 22,—€

Wenn sie zu hören ist, werden die Radios lauter gedreht und stocken die Gespräche: Nora Tewes hat die perfekte Radiostimme – und einen Plan: Auf 100,7 einem Sender, den sie mit zwei Freunden gegründet hat, will sie einen lange davongekommenen Täter in die Enge treiben.
Überstürzt ist Nora in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um ihre Mutter, die im Sterben liegt, nahe zu sein. Unter der Last des viel zu frühen Abschiednehmens bricht eine nur oberflächlich verheilte Wunde auf, und ein Verbrechen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden ist, wird offenbar. Nora erstattet Anzeige und erhält eine niederschmetternde Antwort: verjährt.
Am Mikrofon beginnt sie ein gefährliches Spiel um die Hörerschaft gegen den Täter zu mobilisieren.
Temporeich, unverwechselbar im Ton, mit eigenwilligen Charakteren erzählt Karin Kalisa in ihrem schmerzlich-schönen, politisch brisanten Roman davon, wie beherztes Handeln die Suche nach Gerechtigkeit vorantreibt.

Whitney Scharer
Die Zeit des Lichts
Verlag Klett-Cotta, 400 Seiten, 22,—€

Whitney Scharer erzählt vom Leben der Fotografin Lee Miller. Sie schildert die Pariser Boheme der dreißiger Jahre, Lee Millers Liebesbeziehung mit Man Ray und ihre Arbeit als Kriegsreporterin. Vor allem aber zeigt sie eine Frau, die sich weigerte in jemandes Schatten zu stehen, und die sich als selbstbewusste Künstlerin behauptete.
„Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein“ – zu dieser Erkenntnis kommt Lee Miller im Alter von zweiundzwanzig Jahren, und so gibt sie ihre Modelkarriere in New York auf, um nach Paris zu ziehen. Geld oder einen Plan hat sie nicht, dafür aber eine Kamera, mit der sie die französische Hauptstadt erkundet. Inmitten der schillernden Künstlerwelt der dreißiger Jahre verliebt sie sich in den ebenso genialen wie eifersüchtigen Man Ray, der sie als Assistentin einstellt und sie in seinem Studio unterrichtet. Ihre Freunde sind Picasso und Cocteau, mit ihnen durchtanzt sie die Nächte. Lee jedoch kämpft vor allem darum in dieser Welt männlicher Genies selbst als Künstlerin ernst genommen zu werden. Berühmt wird sie erst in den Kriegsjahren und mit den Fotografien, die sie im besiegten Deutschland macht.

und hier kommt zum Licht auch noch der Ton …
Edgar Rai
Im Licht der Zeit
Verlag Piper, 350 Seiten, 22,—€

In Amerika hat der Tonfilm längst die Kinos erobert. Deutschland verliert mit seinen Stummfilmen den Anschluss. Nun soll die mächtige UFA das Land wieder an die Spitze führen, koste es, was es wolle. Ein halbes Jahr später hat der geniale Karl Vollmoeller fast alles beisammen: eines der modernsten Tonfilmateliers, den gefeierten Oscarpreisträger Emil Jannings, den besten Stoff und den perfekten Regisseur. Sein Film, „Der blaue Engel“, wird nicht einfach einer mehr sein, er wird ein neues Zeitalter einläuten, da ist sich Vollmoeller sicher. Nur die Hauptdarstellerin fehlt. Die Dietrich könnte passen, als Revuegirl ist sie ein Klasse für sich. Aber sie besitzt doch keinerlei schauspielerisches Talent! Vollmoeller würde ihr trotzdem ein Vorsprechen verschaffen…

Norman Ohler
Harro & Libertas
Verlag Kiepenheuer & Witsch

Im April 1933 wird Harro Schulze-Boysen, der 23-jährige Herausgeber der unabhängigen Zeitschrift Gegner, von der SS verhaftet und schwer misshandelt. Sein bester Freund, der Jude Henry Erelanger, überlebt die Torturen nicht. Fortan sinnt Harro auf Rache. Als er ein Jahr später die bezaubernde Libertas aus einer alteingesessenen deutschen Adelsfamilie trifft, ist es nicht nur um die beiden geschehen, sonder gemeinsam knüpfen sie ein Netzwerk, das sich länger als jede andere Gruppierung dem Naziterror entgegen stellt. Bis zur Entdeckung der Gruppe – von der Gestapo „Rote Kapelle“ genannt – im Sommer 1942 vereinen Harro und Libertas über 150 meist junge, künstlerisch veranlagte Menschen, wobei Frauen mit 40 Prozent stark repräsentiert sind – eine Besonderheit im deutschen Widerstand. Unterstützung für jüdische Freunde, geheim verbreitete Flugschriften, eine spektakuläre Zettelklebeaktion im Herzen Berlins, sowie die Weitergabe militärischer Informationen aus Harros Dienststelle, dem Reichsluftfahrtministerium an die Alliierten gehörten zu ihren zahlreichen, brandgefährlichen Aktionen. Gleichzeitig leben Libertas und Harro einen offen Liebes- und Lebensstil und weigern sich, ihre Freiheiten der rigiden NS-Moral unterzuordnen. Es ist der Widerstand der Berliner Bohème.

Eugen Ruge
Metropol
Verlag Rowohlt, 432 Seiten, 24,—€

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann Wilhelm und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den „Volksfeinden“, denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann.
Metropol folgt drei Menschen auf dem schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind.
„Die wahrscheinlichen Details sind erfunden“, schreibt Eugen Ruge, „die unwahrscheinlichsten aber sind wahr.“ Und die Frau mit dem Decknamen Lotte Germaine, die am Ende jenes Sommers im berühmten Hotel Metropol einem ungewissen Schicksal entgegensieht, war seine Großmutter.

Biographisches:

Renate Feyl
Die unerlässliche Bedingung des Glücks
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 450 Seiten, 24,—€

1845: Europa ist in Aufruhr. Der Student Ferdinand Lassalle begegnet der zwanzig Jahre älteren Gräfin Sophie von Hatzfeldt und verliebt sich in sie. Sie ist mit einem der reichsten und mächtigsten Männer des Landes verheiratet und will sich scheiden lassen – doch kein Anwalt hat den Mut, sie zu vertreten. Kurz entschlossen bricht Lassalle sein Studium ab, um für ihre Freiheit und ihr Recht zu kämpfen. Er verwandelt den Scheidungsprozess in eine öffentliche Anklage gegen die herrschenden Verhältnisse. Von den feudalen Machtträgern gehasst und als Staatsfeind wiederholt verhaftet, wird Lassalle vom Volk gefeiert, avanciert mit der Unterstützung der Gräfin zum Wortführer der frühen Arbeiterbewegung und bereitet den Boden für die Sozialdemokratie. Sein Temperament und ihr besänftigendes Wesen bilden ein kraftvolle Symbiose – bis er der Diplomatentochter Helene von Dönnings begegnet und eine verhängnisvolle Affäre beginnt …
Eine große Geschichte über die ungewöhnliche Liebe zweier Querdenker und zugleich das eindrucksvolle, leuchtende Porträt einer Zeit, in der sich unser Gesellschaftssystem zu formen begann.

Volker Weidermann
Das Duell
Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich- Ranicki
Verlag Kiepenheuer&Witsch, 256 Seiten, 22,—€

Die „Zwangsehe“, wie Günter Grass sie einmal nannte, wurde offiziell am 1.Januar 1960 geschlossen: An diesem Tag besprach der damals 39-jährige Kritiker Marcel Reich-Ranicki „Die Blechtrommel“ des gerade 32 jährigen Autors. Er verriss den Roman. Und so begann das wechselhafte, von Rivalität wie Respekt getragene Verhältnis der beiden herausragenden Protagonisten der deutschen Nachkriegsliteratur.
1958 waren sie sich schon einmal im Warschauer Hotel Bristol begegnet – und hatten beide bereits ein Leben hinter sich: Der eine war bei der Waffen-SS gewesen, der andere Überlebender des Warschauer Ghettos. Doch beide einte ihre große Liebe zur deutschen Literatur und ihr unbedingter Wille, ihr weiteres Leben dieser Literatur zu widmen. Und so lagen über ein halbes Jahrhundert der Auseinandersetzungen, zahlreiche Romane und Verrisse, Liebeserklärungen und Wut vor ihnen.
Volker Weidermann erzählt so farbig wie schillernd von der wechselseitigen Abhängigkeit von Reich-Ranicki und Grass, von Streit und Nähe, Empörung und Entspannung. Davon, wie auf den großen Eklat 1995, als Reich-Ranicki auf dem berühmt gewordenen Titelbild des Spiegels „Das weite Feld“ von Grass buchstäblich zerreißt, 2003 ein versöhnliches Treffen folgt. Zugleich aber weitet Weidermann seine fulminante Doppelbiografie der beiden Könige der deutschen Nachkriegsliteratur zu einem grandiosen Panorama, in dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt.

Krimis:

Dror Mishani
Drei
Verlag Diogenes, 336 Seiten, 24,—€

Über dieses Buch darf man eigentlich nichts verraten …
Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat.
Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist.
Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes …
Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit.
Aber auch er weiß nicht alles über sie.

Hakan Nesser
Der Verein der Linkshänder
Verlag btb, 608 Seiten, 608 Seiten, 24,—€

Ex-Kommissar Van Veteren bereitet sich innerlich darauf vor, seinen 75.Geburtstag zu feiern, als ein früherer Kollege auftaucht, um ihm von einem alten Fall zu berichten. Damals waren in einer Pension in Oosterby vier Menschen ums Leben gekommen, die nur eines gemeinsam hatten : die Mitgliedschaft in einem „Verein der Linkshänder“. Da das fünfte, am Treffen teilnehmende Mitglied verschwunden war, wurde der Mann schnell als Täter identifiziert, aber niemals gefunden. Nun ist seine Leiche aufgetaucht, offensichtlich wurde er zur selben Zeit ermordet wie alle anderen …

…und immer wieder…
Garry Disher
Kaltes Licht
Verlag Union, Unionsverlag, 320 Seiten, 22,—€

Im Garten der Wrights auf der Blackberry Hill Farm gleitet ein Schlange über den verdorrten Rasen und unter eine verwitterte Betonplatte. Die aufgeschreckte Familie lässt den Schlangenfänger kommen, doch der buddelt ertwas ganz anderes aus: Unter der Platte kommt ein Skelett zum Vorschein. Ein Fall für die Abteilung für ungelöste Verbrechen, in der Sergeant Alan Auhl verstaubte Cold Cases bearbeitet. Aus der Pensionierung zurückgekehrt, wird er von den jungen Kollegen ziemlich spöttische empfangen. Er lässt sich nicht beirren und versucht hartnäckig, dem Geheimnis um den „Plattenmann“ auf den Grund zu gehen. Warum haben die Erinnerungen der mürrischen Anwohner so viel Lücken?

James C. Scott
Die Mühlen der Zivilisation
Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten
Verlag Suhrkamp, 329 Seiten, € 32,—

Uns modernen Menschen erscheint die Sesshaftigkeit so natürlich wie dem Fisch das Wasser. Wie selbstverständlich gehen wir und auch weite Teile der historischen Forschung davon aus, dass die neolithische Revolution, in deren Verlauf der Mensch seine nomadische Existenz aufgab und zum Ackerbauer und Viehzüchter wurde, ein bedeutender Fortschritt war, dessen Früchte wir noch heute genießen. J.C. Scott erzählt in seinem provokanten Buch eine ganz andere Geschichte. Gestützt auf archäologische Befunde, entwickelt er die These, dass die ersten bäuerlichen Staaten aus der Kontrolle über die Reproduktion entstanden und ein hartes Regime der Domestizierung errichteten, nicht nur mit Blick auf Pflanzen und Tiere. Auch die Bürger samt ihren Sklaven und Frauen wurden der Herrschaft dieser frühen Staaten unterworfen. Sie brachten Strapazen, Epidemien, Ungleichheiten und Kriege mit sich.
Einzig die „Barbaren“ haben sich gegen die Mühlen der Zivilisation gestemmt, sich der Sesshaftigkeit und den neuen Besteuerungssystemen verweigert und damit der Unterordnung unter eine staatliche Macht. Sie sind die heimlichen Helden dieses Buches, das unseren Blick auf die Menschheitsgeschichte verändert.

Angelos Chaniotis
Die Öffnung der Welt
Eine Globalgeschichte des Hellenismus
Verlag Theiss, 544 Seiten, 35,— €

Angelos Chaniotis erzählt die spannende Geschichte der Griechen in einem wahrhaft kosmopolitischen Zeitalter – von Alexander dem Großen bis zu dem römischen Kaiser Hadrian. Inwiefern prägte die Kultur der Griechen das römische Reich und darüber Europa bis heute? Mit seinen Eroberungen schuf Alexander zwar kein Weltreich von Dauer, dafür aber die Voraussetzungen für die Entstehung eines politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Netzwerks, das buchstäblich die gesamte damals bekannte Welt umfasste. Globalisierung und die Entstehung von Metropolen, technologische Innovationen und neue Religionen wie das Christentum, aber auch soziale Konflikte und Kriege gehören zu den Signaturen dieser Welt.

Brian A. Catlos
al- Andalus – Geschichte des Maurischen Spanien
Verlag C.H.Beck, 540 Seiten, € 29,95

Das islamische Spanien bildet die Brücke zwischen dem unterentwickelten Europa und einer kosmopolitischen islamischen Welt. Es gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen für die Renaissance wie für den Aufstieg Europas überhaupt. Auch die moderne jüdische Kultur ist ohne dieses einzigartige Kapitel kultureller und religiöser Koexistenz kaum denkbar. Muslime, Christen und Juden schufen im Süden Spaniens über acht Jahrhunderte hinweg eine kulturell und wissenschaftlich höchst bemerkenswerte Zivilisation, deren große Zeugnisse – wie die Alhambra – uns bis heute in ihrer überwältigenden Schönheit in den Bann schlagen. All dies zeigt uns Catlos in seiner dicht gewebten Geschichte einer entscheidenden, aber bis heute missverstandenen Epoche.

James Bridle
New Dark Age
Verlag C.H.Beck, 320 Seiten, € 25,—

Eine japanische Familie folgt an der Küste Australiens ihrem Navi bis in den Ozean, obwohl die Straße längst verschwunden ist. Auch die Ranger im Death Valley in Arizona kennen dieses Phänomen, dass Ortsfremde der Technik mehr vertrauen als den eigenen Sinnen. Sie haben sogar einen eigenen Begriff dafür: „Tod durch GPS“.
Doch dieser makabre „automation bias“ ist nur ein Gleichnis für die Lage, in der sich die Menschheit heute befindet. Während neue Technologien immer schneller und immer massiver bis in die letzten Winkel unseres Lebens vordringen, sind wir immer weniger dazu in der Lage, sie unseren Erfordernissen anzupassen. Sie sind längst zu einer Bedrohung für humane Lebensformen geworden. In einer rasanten Tour de Force führt uns James Bridle, durch die technologischen Dystopien der Gegenwart – vom Klimawandel und dem Internet bis zur Automatisierung der Arbeitswelt und der omnipräsenten Datenerfassung. Doch er zeigt noch mehr: Wir müssen eine unberechenbar geworden Welt anders denken lernen, wenn wir uns in unserem „New Dark Age“ noch zurecht finden wollen. Bridle ist ein junger Harari noir – kompetent, funkelnd und düster wie ein Roman von H.P. Lovecraft.

Gilles Kepel
Chaos -Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen
Verlag Kunstmann, 448 Seiten, 28,— €

Die Lage im Nahen Osten ist unübersichtlich: Krieg und humanitäre Katastrophen in Syrien und Jemen, das komplexe Kräftemessen zwischen Schiiten und Sunniten, die latente Bedrohung durch die verbleibenden IS-Kämpfer in der Levante, widerstreitende geopolitische Interessen. Zudem ist die ganze Region mit demografischem Druck und der Notwendigkeit eines Wandels überholter Wirtschaftssysteme konfrontiert. Kaum einer kennt den Nahen Osten besser als der renommierte französische Soziologe und Arabist Gilles Kepel. Als Zeuge vor Ort, Beobachter und Chronist verfolgt er seit Jahrzehnten die zunehmende Islamisierung der politischen Ordnung. So kenntnisreich wie präzise entschlüsselt Kepel die gewaltige Herausforderungen, vor denen der Nahe Osten und der Westen heute stehen. Ein unverzichtbares und zukunftsweisendes Buch.

Nützliches und Schönes

Andrea Wulf
Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
Eine Entdeckungsreise
Verlag C.Bertelsmann, 272 Seiten, farbig illustriert, 28,— €

Zum 250. Geburtstag des größten deutschen Naturforschers legt die preisgekrönte Humboldtexpertin Andrea Wulf ein farbenprächtiges, opulent illustriertes Buch über Humboldts berühmte Südamerikaexpedition vor. Angeregt von seinen Tagebüchern, Kupferstichen, Skizzen, Landkarten und präparierten Pflanzen erzählt sie die Geschichte seiner Reise aus einer völlig neuen Perspektive: anhand Humboldts eigener Tagebuchaufzeichnungen, die erst vor kurzem zugänglich gemacht wurden. Die expressiven Zeichnungen der New Yorker Illustratorin Lillian Melcher fangen Szenen der Expedition ein, etwa die waghalsige Fahrt auf dem Orinoko und die spektakuläre Besteigung des Chimborazo. Jede Seite in diesem ganz besonderen Buch zum Humboldt-Jubiläumsjahr ist eine sinnliche Entdeckungsreise.

Susan Whitfield (Hrsg.)
Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte
Verlag Theiss, 480 Seiten mit farb.Abb., 50,—€

Die alte Seidenstraße verband über ein Netz von Karawanenwegen Ostasien auf dem Landweg über Zentralasien mit dem Mittelmeerraum. Auf dem Seeweg wurden die Waren vom Reich der Mitte durch den Indischen Ozean verschifft. Zwischen dem 2.Jh.v.Chr. florierte auf diesen Wegen der Handel mit Seide, Gewürzen, Glas, Edelsteinen, Bronze und Eisen. Mit dem Handel verbreiteten sich auch Religion, Kultur und know-how wie zum Beispiel die Kenntnis von Papier und Schwarzpulver. Der große Text- Bildband führt auf den Routen der Seidenstraße durch atemberaubende Landschaften, über hohe Gebirge, durch weite Ebenen und ausgedehnte Wüsten. Er erzählt die Geschichte der Kulturen, der Handelsgüter und der Wege, auf denen sie durch oft unwegsame Gelände transportiert wurden. Gegliedert nach Landschaften – von der Steppe über die Wüste bis zum Ozean -, enthält jedes Kapitel detaillierte Karten, einen historischen Überblick und zeigt bildreich archäologische Highlights, Kunst und Bauwerke.

Marianne Pfeffer Gjengedal
Femmetastic
Legendäre Frauen und ihre Lieblingsgerichte
Verlag Sieveking, 320 Seiten, 39,— €

Die Werke großer Künstlerinnen, ihre Bücher, ihre Filme ihre Kleider und Selbstinszenierungen sind bekannt und erforscht bis in jede Einzelheit. Was aber verraten ihre Vorlieben bei Tisch über sie? Das ist Ausgangspuunkt der Idee der Fotografin Marianne Pfeffer Gjengedal und der Foodstylistin Klaudia Iga Pérès. Gemeinsam näherten sich die beiden Autorinnen Frauen, die sie bewundern, über deren Lieblingsspeisen. Pfeffer Gjendal und Pérès kochten sie nach, inszenierten die Gerichte stilsicher und mit viel Liebe zum Detail. So entstanden 15 raffinierte und sinnliche Porträts beeindruckender Frauen, die zugleich Lust auf viele außergewöhnliche Rezepte machen. Eine Hommage an Frauen wie Jane Austen, Astrid Lindgren, Coco Chanel, Sophia Loren und ihre Lieblingsgerichte.

Zwei besondere Bücher zu Soester Baukunst möchten wir Ihnen gerne ans Herz legen:

Hrsg. Karin und Hans-Günter Trockels
Das weisse Haus im Steingraben
Wiederentdeckung eines barocken Denkmals
Verlag Westf.Verlagsbuchhandlung, 273 Seiten, 39,80 €

Die Baukunst ist eine ganz eigene Form der Kunst, deren Ergebnisse mit keiner anderen Kunst vergleichbar sind. Bilder, Skulpturen sogar die Musik bilden den Moment ihrer Fertigstellung ab und offenbaren eine bestimmte Aussage des Künstlers, die sie in einer Zeitkapsel aufheben. Baukunst hingegen schafft Lebens-, Arbeits- und Handlungsräume für Menschen, die diese über lange Zeiträume hinweg begleiten. Daher müssen sie immer wieder angepasst werden und sind einem stetigen Veränderungsprozess unterworfen. Baukunst ist nie historisch, da sie nie – wie ein Bild – einen bestimmten Zeitpunkt abbildet sondern zugleich auch immer Gegenwart, da sie wie eine Zwiebel immer neue Schichten über die alten Gerippe zieht. Dabei wird auch der bauzeitliche Kern eines Gebäudes immer weiter der jeweiligen Gegenwart angepasst. Reinhold Schneider

Thomas Drebusch
Bruno Paul – Schönheit ist Freude
Vlg. Ikonom, 175 Seiten, 25,—€

Auf der Bayerischen Landes-Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung 1906 wurde sein erster architektonischer Entwurf, das „Weinhaus“ realisiert. In Berlin folgte dann 1907 das Haus Schuppmann als erstes Wohnhaus. Schnell entwickelten sich die Ateliers für Architektur in Berlin und Köln von Bruno Paul landesweit zu den gefragtesten Adressen des gehobenen Bürgertums. Die von ihm und seinen Mitarbeitern in der Folgezeit geplanten Wohnhäuser in Berlin, Duisburg, Dresden, Frankfurt, Hamburg, Königsberg, Königstein, München, Prag, Soest, Straßburg, Wetzlar und Wiesbaden waren meist als Gesamtkunstwerke angelegt, da auch die Entwürfe für die Inneneinrichtung sowie die Gartengestaltung realisiert wurden. Diese Publikation thematisiert das architektonische Werk Ateliers für Architektur von Bruno Paul und stellt ein Bestandsaufnahme der heute noch erhaltenen Gebäude dar.

Kinder- und Jugendbücher

Helene Nagelhus
Immer was los bei Emma & Oskar
Verlag DTV, 288 Seiten, 12,95 €
zum Vorlesen ab 6 Jahre

Emma und Oskar sind Zwillinge und leben mit ihren Eltern, ihrem kleinen Bruder Nikolai und vielen Tieren auf dem Bauernhof Eiktun. Zusammen erleben die Zwillinge viele kleine und große Abenteuer. Im Herbst dürfen die Kinder ein Fuchsjunges hüten, im Frühjahr kommen die süßen Lämmer auf die Welt und am Geburtstag der Zwillinge können Emmas Kaninchen plötzlich fliegen. Einmal wird es richtig dramatisch, als die beiden echten Schurken auf die Spur kommen. Wo Emma und Oskar sind, ist immer was los!

Nina Blazon
Ein Baum für Tomti
Verlag Carlsen, 144 Seiten, 14,- €
ab 8 Jahre

Maja traut ihren Augen nicht: In der Küche sorgt ein quirliger Kobold für Chaos! Tomti heißt er, ist ein echter Baumgeist und hat keine Ahnung wie er in Majas Wohnung kam. Tomti weiß nur eins: Er braucht ein neues Baum-Zuhause , und zwar ratz-fatz! Gar nicht so leicht. Denn in den Bäumen in Stadt, Land und Wald tummeln sich bereits die seltsamsten Bewohner. Und so beginnt eine turbulente Suche …

Enne Koens
Ich bin Vincent und ich habe keine Angst
Verlag Gerstenberg, 192 Seiten, 15,— €

Vincent ist elf Jahre alt und weiß alles über das Überleben in der Wildnis: Sein Lieblingsbuch ist das große Survival- Handbuch, er kennt es fast auswendig. Ums Überleben geht es für ihn auch täglich in der Schule, denn er wird von den anderen schikaniert. Und nun steht die Klassenfahrt bevor. Einziger Lichtblick ist die neue Mitschülerin Jacqueline, genannt „die Jacke“. Sie spricht vier Sprachen, surft, spielt E-Gitarre. Sie ist überhaupt ziemlich cool und scheint Vincent zu mögen. Auf der Klassenfahrt läuft die Situation dann völlig aus dem Ruder. Mitten in der Nacht findet sich Vincent allein im stockdunklen Wald wieder …

Peer Martin
Hope
– Es gibt kein zurück. Du kommst an. Oder du stirbst -
Verlag Dressler, 544 Seiten, 20,— €
ab 14 Jahre

Der 19-jährige Kanadier Mathis begleitet Hope, einen elf Jahre alten Somali, auf dessen abenteuerlicher Flucht quer durch Südamerika. Kaum gestartet, heften sich zwei zwielichtige Typen an ihre Fersen – nicht die einzige Bedrohung, der sich Hope und Mathis unterwegs stellen müssen. Auf ihrem atemberaubenden Trip über den Amazonas, die Panamericana und auf dem Dach eines rasenden Güterzugs lauert der Tod überall. Mehr als einmal können sie nur knapp entkommen. Werden die beiden es in die Freiheit schaffen?

Yann Arthus-Bertrand, Anne Jankéliowitch
Dünnes Eis
Was braucht die Welt, damit sie hält?
Verlag Gabriel, 80 Seiten, 15,— €
ab 10 Jahre

Unsere Erde ist wunderschön, aber gleichzeitig bedroht. Kinder wollen wissen, was das Ansteigen des Meerespiegel für uns bedeutet. Wie die Städte aussehen, in denen wir zukünftig leben. Und was die Abholzung des Regenwalds für unser Klima bedeutet. Mit einer gelungenen Mischung aus Satellitenbildern und Fotos des Fotografen Yann Arthus-Bertrand, kurzen Texten, für sich sprechenden Zahlen und Piktogrammen werden insgesamt 16 große Umweltthemen wie Abholzung des Regenwalds, Wasserressourcen, steigende Meeresspiegel oder der Kampf ums Öl erklärt und die Kinder erfahren dabei auch, was sie selbst tun können.

Dr. Patrick Henßler
100 Sachen, die Geschichte machten
Von der Bronzeaxt bis zum Roboter
Verlag ars edition, 240 Seiten, 20,— €
ab 10 Jahre und die ganze Familie

Warum hat ein Faustkeil den Menschen entscheidend vorangebracht und welche Rolle spielt der Container im heutigen Leben?
In diesem Sachbuch wird anhand von 100 Objekten Geschichte lebendig. Von den Ursprüngen der Menschheit bis heute. Es werden nicht nur die Hintergründe der einzelnen Gegenstände beleuchtet, sondern auch ihre zeitliche Einordnung kommt nicht zu kurz. So werden geschichtliche Zusammenhänge deutlich und ein großes Ganzes entsteht.

Rittersche Buch- & Kunsthandlung
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